Ich kam als zweites von vier Kindern zur Welt, eine einzige Tochter inmitten von drei Brüdern. Eine Berliner Göre, die schon nach vier Monaten den Asphalt der Großstadt gegen die weite, oft raue Luft des Nordens eintauschte. In der Nähe von Cuxhaven schlugen wir unsere Wurzeln, und ich lernte früh, mich zu behaupten. Drei Brüder können eine Schule für das Leben sein – sie lehren dich Widerstandskraft, noch bevor du weißt, was dieses Wort überhaupt bedeutet.
In meiner Erinnerung gibt es einen Moment, der in helles Licht getaucht ist. Ich sehe den Küchentisch vor mir, wir Kinder standen wie kleine Statuen darum herum, die Augen voller Staunen. Muttern kam aus dem Krankenhaus und brachte meinen jüngsten Bruder nach Hause. Er war in ein schneeweißes Federkissen gehüllt, so zerbrechlich und winzig klein, dass die ganze Welt für einen Augenblick stillzustehen schien. Ein reines, unschuldiges Versprechen.
Doch die Stille hielt nicht an. Irgendwann geriet Papa an die falschen Leute.
Es war kein plötzlicher Knall, eher ein schleichendes Gift. Der Alkohol sickerte in unseren Alltag, und mit ihm kam eine Dunkelheit, die fast jeden Abend durch die Haustür schwankte. Wenn Papa betrunken war, verwandelte er sich. Der Mann, der er eigentlich war, verschwand hinter einer Maske aus Aggression und unberechenbarer Gewalt.
Zwei Bilder haben sich so tief in meine Seele gebrannt, dass sie auch nach Jahrzehnten nichts von ihrer grausamen Schärfe verloren haben.
Das erste Mal geschah es im Schlafzimmer. Papa würgte Muttern im Bett. Ich sehe meinen ältesten Bruder vor mir – wie mechanisch, wie ein kleiner Soldat in höchster Not, kletterte er aus dem Fenster. Ich höre noch das Echo seiner Schritte, wie er zur gelben Telefonzelle sprintete, um die Polizei zu rufen. In diesem Moment wurde das Telefonat zu unserem einzigen seidenen Faden zur Rettung.
Das zweite Bild ist noch schwerer. Muttern lag im Wohnzimmer auf dem Boden, und Papa saß auf ihr. Seine Hände waren wie Schraubstöcke um ihren Hals gelegt. Mein ältester Bruder und ich warfen uns mit aller Kraft gegen seinen Rücken. Wir versuchten mit unseren kleinen Händen, diesen Felsen aus Zorn von ihr herunterzuziehen, gegen seine Schienbeine zu treten, ihn irgendwie zu stoppen. Wieder war es mein Bruder, der losrannte, um Hilfe zu holen, während ich mit meinem zweiten Bruder zurückblieb und verzweifelt weiterkämpfte. In diesen Nächten lernte ich, dass das Zuhause kein sicherer Hafen war, sondern ein Ort, an dem man ums Überleben kämpfen musste.
Die Kammer der Schatten
Es gab ein Ereignis, das mir sprichwörtlich den Boden unter den Füßen wegriss. Ich sehe es noch heute so klar vor mir, als wäre es erst gestern geschehen, obwohl mein Unterbewusstsein den Rest meiner Kindheit wie in einer schweren, verschlossenen Schublade hütet.
Ich erinnere mich an den Abstellraum. Dort, in der Enge zwischen Gerümpel und Dunkelheit, sah ich Papa am Strick hängen. Er versuchte, sich selbst das Leben zu nehmen.
Wenn ich heute an diesen Moment denke, fühle ich keine Worte. Ich fühle nur diese eine, alles lähmende Schockemotion. Es ist, als hätte meine Seele damals beschlossen, das Licht auszuschalten, um mich zu schützen. Mein Gedächtnis gleicht seither einem Archiv, in dem fast alle Akten weggeschlossen wurden. Nur ein paar Fetzen liegen noch auf dem Boden verstreut – wie vergessene Bruchstücke einer Zeit, die zu schmerzhaft war, um sie ganz zu behalten.
Lange Zeit war das Schloss an dieser Schublade rostig und fest verschlossen. Doch vor kurzem gab es einen Tag, an dem ich spürte, wie der Schlüssel sich drehte. Eine plötzliche Neugier stieg in mir auf. Ich wollte wissen, was in dieser Dunkelheit wirklich passiert war. Hatte Papa seinen Zorn nur an Muttern ausgelassen, oder traf er auch uns Kinder? Mit dem Aufschließen der Schublade kam eine Erinnerung zurück, die auf den ersten Blick fast harmlos wirkte – und doch so viel über meine inneren Wunden verriet.
Als ich etwa zehn Jahre alt war, gab es ein eigentlich alltägliches Ereignis.
Muttern hatte sich inzwischen von Vatern getrennt. Wir wohnten nur auf der anderen Straßenseite, ein Katzensprung und doch eine Welt entfernt. Es muss Sommer gewesen sein, vielleicht war es sein Geburtstag. Wir saßen draußen vor dem Küchenfenster in Beers. Vatern holte eine Torte heraus und griff nach einem großen Messer, um sie anzuschneiden.
In dem Moment, als das Sonnenlicht auf der Klinge blitzte, durchzuckte mich eine panische Angst. Es gab keinen rationalen Grund, er wollte doch nur den Kuchen teilen. Aber mein ganzer Körper schrie „Gefahr!“. Die Angst war so greifbar, so körperlich, als würde die Szene in diesem Augenblick real stattfinden. Es war die Bestätigung dafür, dass mein Nervensystem den Frieden im Außen nicht traute – weil die Klinge in meiner inneren Welt immer eine Bedrohung war.
Die Architektur meines Schutzschildes
Heute verstehe ich, dass diese Erlebnisse nicht einfach nur vorbei waren, als die Polizei kam oder wir in die Wohnung auf der anderen Straßenseite zogen. Sie haben sich in mir festgesetzt und Blockaden erschaffen, die mein Leben wie ein unsichtbares Gitternetz über Jahrzehnte hinweg bestimmt haben.
Durch die Schocks, die ich damals erlitten habe – die Gewalt, das Würgen im Schlafzimmer und das grauenhafte Bild meines Vaters am Strick – hat meine Seele eine Entscheidung getroffen: Sie hat ein Schutzschild hochgefahren. Ein innerer Mechanismus, der mich vor dem Unerträglichen bewahren sollte.
In schwierigen Momenten begann ich, Gefühle einfach zu verschließen. Ich drückte sie weg, tief in die dunkle Schublade meines Unterbewusstseins. Dieses Schild machte mich emotional unanfälliger, ja, es machte mich sogar äußerlich schmerzunempfindlicher. Ich spürte weniger, aber der Preis war hoch: Ich verlernte auch, emotionale Nähe zuzulassen. Das Schutzschild, das mich als Kind in Beers vor dem Wahnsinn rettete, wurde im Erwachsenenleben zu einer Mauer, die mich daran hinderte, mich anderen wirklich zu öffnen oder meine eigenen Schmerzen gesund zu verarbeiten.
Durch die unvorhersehbaren Ausbrüche von Papa entwickelte sich noch etwas anderes in mir: Eine tiefe, unbewusste Angst vor dem Kontrollverlust. Wenn die eigene Welt als Kind jederzeit ohne Vorwarnung explodieren kann, wird „Kontrolle“ zum einzigen Rettungsanker. Deshalb reagierte ich später so panisch auf das Tortenmesser – mein System wusste nicht mehr, dass eine Klinge auch harmlos sein kann.
Diese Angst führte dazu, dass ich in meinem Leben alles kontrollieren wollte – mich selbst, meine Umgebung, jeden noch so kleinen Ablauf. Unvorhersehbare Veränderungen wurden zum Feind. Es fiel mir unendlich schwer, mich einfach mal fallen zu lassen oder dem Leben zu vertrauen, wenn ich nicht selbst das Steuer fest in der Hand hielt.
Dazu kam das Misstrauen. Die Aggressivität, die ich zu Hause erlebt hatte, machte mich anderen gegenüber skeptisch. Besonders als junge Frau fiel es mir schwer, mich auf tiefe Freundschaften oder Beziehungen einzulassen. Ich hatte Angst vor Konflikten und noch größere Angst vor Verletzungen. Jede Hingabe fühlte sich gefährlich an, denn in meiner Welt bedeutete eine Bindung auch immer das Risiko, dass der Schmerz der Trennung mich zerreißen könnte.
Das Erbe der Schatten und der Weg zur Quelle
Es heißt oft, dass Kinder aus solch belasteten Familienverhältnissen unbewusst die Überzeugung entwickeln, sie seien selbst schuld an der Situation oder am Verhalten der Eltern. Diese fatale „Kindheits-Logik“ gräbt sich tief ein. Sie hinterlässt ein Gefühl des Nicht-Genügens, eine innere Schuld, die man wie einen bleiernen Mantel mit sich herumträgt.
Bei mir führte das dazu, dass ich mich selbst immer wieder infrage stellte. Mein Selbstwertgefühl war wie ein brüchiges Fundament. Ich neigte dazu, meine eigenen Bedürfnisse völlig hinter die der anderen zurückzustellen. In Beziehungen passte ich mich an, machte Kompromisse, die mir im Grunde das Herz abschnürten, nur um nicht noch mehr „Schuld“ aufzuladen oder abgelehnt zu werden.
Auch das Festhalten an schmerzhaften Mustern ist eine Folge dieser tiefsitzenden Blockade. Wenn ich heute ehrlich zurückblicke, muss ich gestehen: Ich habe mich tatsächlich IMMER zugunsten anderer aufgegeben. In meinen Partnerschaften habe ich nie mein eigenes Leben gelebt; es war immer das Leben meiner Partner, in das ich mich hineinfaltete. Lange Zeit redete ich mir ein, ich täte das, weil ich ein besonders gütiges Herz hätte. Doch durch meine heutige Reflexion erkenne ich: Es war kein gütiges Herz, es waren die alten Blockaden, die mich unsichtbar machten.
Als Kind kann man so etwas nicht verstehen. Man funktioniert einfach nur. Doch heute, nachdem ich all diese Erlebnisse verarbeiten, heilen und endlich loslassen durfte, habe ich einen ganz anderen Blick auf die Dinge. Ich weiß heute, was Suchterkrankungen mit einem Menschen machen. Ich habe selbst diesen dunklen Pfad betreten und verschiedene Abhängigkeiten hinter mir gelassen – auch den Alkohol.
Da der Alkohol in meiner Kindheit in Beers so eine prägende Rolle spielte, entwickelte ich unbewusst ein Verständnis dafür, dass Suchtmittel ein „Ablenkungsventil“ für inneren Schmerz sein können. Mein eigener Weg durch die Abhängigkeiten – angefangen bei der Kleptomanie als Kind, über die erste Zigarette mit zwölf, die Tablettensucht zu Beginn meiner Ehe bis hin zum Alkohol und dem Kaffee später – war nichts anderes als der Versuch, mit den unterdrückten Verletzungen fertigzuwerden. Genau wie Papa versuchte ich, die innere Leere zu betäuben.
Sogar jetzt, wo ich diesen Blog schreibe, spüre ich den alten Reflex wieder: Mein Bedürfnis nach Schokolade ist plötzlich extrem stark geworden. Diese Blockaden zeigen sich darin, dass die Flucht in ein Genuss- oder Suchtmittel als einzige Lösung erscheint, um den aufkommenden emotionalen Schmerz oder die Unsicherheit auszuhalten. Der Reflex zum „Abschalten“ sitzt nach all den Jahren einfach verdammt tief.
Doch wie ich zu Anfang schon erwähnt habe, schreibe ich hier über all das aus einem bestimmten Grund. Im Laufe der Jahre habe ich die wichtigste Lektion meines Lebens gelernt: Egal, was uns geschieht und wie grausam es erscheint – es geschieht nicht ohne Grund.
Egal, woran wir glauben mögen: Wir alle sind spirituelle Wesen, die in der Hülle eines Körpers menschliche Erfahrungen machen. Unsere Seele entscheidet sich schon lange vor der Geburt für diesen Weg. Sie wählt unsere DNA, unser Geschlecht und eben auch jene Herausforderungen, an denen wir wachsen sollen. Man nennt es den Seelenweg. Die Hürden, über die wir stolpern, die Blockaden, die uns scheinbar aufhalten – sie sind die Wegweiser unserer Entwicklung. Es gibt noch viele Arten dieser Blockaden, mit denen ich konfrontiert wurde. Von ihnen werde ich in meinen nächsten Beiträgen erzählen.

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