
Als ich ungefähr 10 Jahre alt war, hatte sich Muttern, wie schon erwähnt, von Vatern getrennt und die Scheidung eingereicht. Von da an wuchs ich als Scheidungskind auf. Als Scheidungskind war die Schule nicht gerade leicht. Muttern durfte vier Kinder alleine großziehen und konnte nicht arbeiten gehen.
All diese Umstände hatten eine Auswirkung auf das Schulleben. Ich wurde gehänselt, nur weil ich keine Modekleidung und nur sogenannte Altkleider trug und Muttern Sozialempfängerin war. Die Erfahrungen des Andersseins führten zu einem Gefühl der Ablehnung in der Schule, was eine starke emotionale Belastung verursachte.

Dieses Leben hat mich aber auch im Erwachsenenleben geprägt.
Es hat sich in mir eine Art Scham entwickelt, was sich heute darin zeigt, dass ich in der heutigen Zeit wo ich auch nicht viel Geld habe, und es vorkommt, dass wenn es jemand mit mir gut meint und mir Kleidung schenkt oder schenken will, ich Probleme damit habe sie anzunehmen. Wenn ich diese Geschenke annehme, dann liegt es nur daran, dass mir diese Teile wirklich gut gefallen oder weil ich demjenigen nicht vor den Kopf stoßen und unhöflich sein möchte. Dieses heutige Verhalten hat nichts mit Undankbarkeit zu tun. Sondern viel mehr damit, dass mich meine Vergangenheit so geprägt hat, dass ich mich in gebrauchter Kleidung nie wohlgefühlt habe.

Durch die Erfahrungen nicht viel Geld zu haben, hatte ich ein geringes Selbstwertgefühl entwickelt.
Dieses Leben spiegelte sich allerdings auch im Schulischen wider. Ich bin nie gerne zur Schule gegangen und hatte auch nie richtige Freunde, mit denen ich über alles reden konnte, und war somit immer viel alleine unterwegs. Hier kann ich sagen: Auch dies hat mich geprägt, denn auch heute lebe ich, wie schon erwähnt, eher zurückgezogen und bin inzwischen lieber für mich alleine.
Ich litt an einer Lernschwäche, die mir das Schulleben zusätzlich erschwerte. Für die Förderschule, auch Sonderschule genannt, war ich beim Test zu schlau; für die normale Schule fehlte mir etwas, also brachte ich dauerhaft schlechte Noten mit nach Hause. Je weiter ich die Klassen nach oben ging und der Lernstoff schwieriger wurde, desto weniger Lust hatte ich am Lernen. Ich machte nur selten Hausaufgaben, und in den Zeugnissen stand immer, von der Grundschule an: „Anneliese muss regelmäßiger Hausaufgaben machen, die Versetzung ist gefährdet.“ Von der ersten Klasse an ging es so von Schuljahr zu Schuljahr.
Ich wurde bis zur achten Klasse immer nur probeweise versetzt, ging aber nie eine Klasse zurück, bis ich dann die achte Klasse wiederholen durfte, wo ich eine Klassenlehrerin bekam, die die eigentlichen Probleme bei mir erkannte und mich dementsprechend im Klassenraum in der Mitte an einen Einzeltisch setzte. Danach ging es etwas nach oben, in Mathematik wurde ich gleich um zwei Noten besser. Obwohl ich die 8. Klasse wiederholen durfte, habe ich die 9. Klasse trotzdem nicht geschafft.
Dieses Leben hatte auch zur Folge:
Egal, wie ich in der Schule war, egal, was ich machte oder tat, ich bekam zuhause weder Aufmerksamkeit noch Anerkennung. Die Schulnoten fand Muttern nicht schlimm. Brachte ich dennoch mal eine gute Note mit nach Hause, war es toll und schön, aber ich wurde nicht dazu motiviert, am Ball zu bleiben.
Während der Ferien und auch an Wochenenden war ich viel bei Oma und Opa, wo ich mich wohlfühlte. Dort bekam ich irgendwas, was mir zu Hause fehlte. Opa machte mit mir die Hausaufgaben und lernte auch mit mir. Ich bekam von Opa jede Aufmerksamkeit und fühlte mich deshalb dort wohler als zu Hause.
Mir machte das Lernen mit Opa richtig Spaß, und ich verstand es auch, wie er mir das erklärte. Wenn ich meine Hausaufgaben mit Opa gemacht hatte, war ich immer ganz stolz, da dies immer die einzige Zeit war, wo ich überhaupt mal Hausaufgaben vorzeigen konnte. Ich weiß noch ganz genau: Gerade in Mathe waren die Ergebnisse von den Aufgaben immer richtig. Da es aber nicht dem Rechenweg der Schule entsprach, wurde es nie wirklich als richtig anerkannt, und die Lust zum Lernen fiel wieder zu Boden.
Durch die fehlende Unterstützung und Anerkennung im Schulleben
hat sich in mir eine unbewusste Wertlosigkeit gebildet. Diese Blockade zeigt sich gegenüber schulischen Verpflichtungen und späteren Leistungsanforderungen. Diese Blockade zeigte sich nicht nur in der Schule; später, als Erwachsene, hatte ich auch Probleme – und habe diese jetzt noch -, wenn ich eine Weiterbildung anfange. Mich zum lernen wirklich motivieren zu können, fällt mir schwer: Es kommt plötzlich eine Unlust auf, und ich ziehe mich zurück und versuche mich auf Ablenkungen zu konzentrieren. Auf der einen Seite bin ich wissbegierig, doch auf der anderen Seite, wenn ich zu viel auf einmal in mir aufnehmen darf, verfliegt die Motivation.
Dann meine Lernschwäche und die negativen Rückmeldungen vom Bildungssystem, haben wahrscheinlich dazu geführt, dass ich schon früh unbewusst an meinen Fähigkeiten gezweifelt habe. Ich unsicher bei neuen Herausforderungen war und mir die Bereitschaft fehlte, neue Herausforderungen anzunehmen. Ich hatte auch eine gewisse Angst vor Bewertungen entwickelt, die mich unbewusst immer wieder an die negativen Erfahrungen aus der Schulzeit erinnerte.
Durch die fehlende Anerkennung oder Zuwendung bei schulischen Erfolgen/ Misserfolgen, fällt es mir heute auch schwer, positive Rückmeldung von außen anzunehmen und zu verarbeiten. Ich hatte eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber Anerkennung und Wertschätzung entwickelt.

Als ich ca. 11/12 Jahre alt war, kam mein Onkel eines Abends zu uns nach Hause und sagte zu Muttern – ich stand ganz zufällig auf dem Flur und hatte es mitbekommen –: „Er fährt zu Oma, Opa ist eingeschlafen.“ Ich hatte zuvor noch nie etwas mit dem Tod zu tun, aber ich wusste, obwohl mein Onkel sich so vorsichtig ausgedrückt hatte, sofort, dass mein geliebter Opa gestorben war, und in mir brach eine Welt zusammen.
Muttern ist in einer Generation aufgewachsen, wo Kinder auf einer Beerdigung nichts zu suchen hatten. Somit konnte ich noch nicht einmal Abschied nehmen.
Der Verlust von meinem Opa, der der einzige war wo ich Aufmerksamkeit, Zuwendung und Unterstützung bekam, hat meine bereits errichtete Schutzmauer vor Verlust und Schmerz verstärkt.
Im letzten Beitrag schrieb ich von den unsichtbaren Verbindungen zu Personen,
die für uns in gewisser Weise nicht gut waren. Während ich in diesem Abschnitt auch mit negativen Personen zu tun hatte, die mich definitiv durch die Erfahrungen geprägt haben, gibt es hier meinen Opa, den ich über alles geliebt hatte. Auch bei geliebten Menschen können, wenn wir an diese Personen festhalten – egal, ob bewusst oder unbewusst – Verbindungen entstehen, die einen negativen Einfluss auf unser Leben haben können.
Mein Opa war der einzige gewesen, von dem ich geliebt wurde. Auch wenn man als Kind noch nicht so das Gefühl für die Liebe wahrnehmen kann, weiß ich doch, er war mein Ein und Alles, und ich war auch sein Liebling, auch wenn er dies nach außen, aufgrund seiner anderen Enkelkinder, nie gezeigt hatte. Er hatte niemanden deshalb schlechter behandelt, doch ich konnte dies spüren.
Rückblickend kann ich sagen,
dass der plötzliche Verlust von Opa und das fehlende Abschiednehmen einen Einfluss auf mein Leben und den Bezug zu Menschen hatte – gerade in Bezug auf die Liebe. Jede Beziehung, die ich später hatte: Ich fühlte mich nie wirklich geliebt. Es war anfangs nur ein Verliebtsein, aber nie eine wahre Liebe.
Ich erinnere mich noch an einen Tag – da war ich schon von meinem Exmann geschieden und war in einer neuen Beziehung. Ich saß an meinem Schreibtisch. Während ich seit dem Tod von Opa nicht mehr an ihn gedacht hatte – ich hatte alles irgendwie verdrängt, wie Kinder halt sind – musste ich ganz plötzlich an ihn denken. Er war mir plötzlich so nah. Es fühlte sich an, als wäre er plötzlich bei mir. Ich drehte mich zum Fenster hin, und in mir war ein Gefühl, als würde Opa aus dem Fenster und von mir wegfliegen, und ich brach völlig in Tränen aus. Die ganze unterdrückte, nicht verarbeitete Trauer kam mit einem Schlag hoch.
Heute glaube ich nicht mehr, dass ich Opas Seele festgehalten hatte. Ich denke eher, ich hatte unbewusst die Verbindung zu ihm festgehalten. Und durch das Festhalten solcher Energien können in uns auch Blockaden entstehen. Als ich das Gefühl hatte, Opa fliegt von mir, hatte ich unbewusst diese Verbindungen losgelassen.
Dadurch, dass ich unbewusst an die Liebe von Opa festgehalten hatte, habe ich mich blockiert und auch nie Menschen in mein Leben ziehen können, wo die Liebe die war, die ich mir gewünscht hatte.
„Diese Erfahrungen zeigen deutlich, wie sehr unsichtbare Verbindungen das Leben beeinflussen können.“
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