Ich wurde als zweites Kind von vier geboren und wuchs zwischen drei Jungs auf. Nach mir kamen noch zwei Brüder, sodass ich mich gegen drei Brüder behaupten durfte – was nicht immer leicht war, mir rückblickend jedoch sehr geholfen hat. Ich muss gestehen, ich bin zwar als Berliner Göre geboren, aber nicht dort aufgewachsen. Meine Eltern zogen, als ich vier Monate alt war, in den Norden, in die Gegend um Cuxhaven.
Die Geburt meines jüngsten Bruders – es war ein tolles Ereignis, als Muttern mit ihm aus dem Krankenhaus kam. Er war in ein Federkissen gehüllt, so winzig klein. Meine Brüder und ich standen alle um den Tisch herum und wollten das Baby sehen. Ich sehe es noch, als wäre es gestern gewesen.
Doch irgendwann geriet Papa an die falschen Leute.
Er fing an zu trinken und kam fast jeden Abend betrunken nach Hause. Wenn er dann betrunken war, war er auch sehr aggressiv und gewalttätig.
Ich erinnere mich an zwei Ereignisse, als er versuchte, Muttern umzubringen. Das eine Mal lag sie im Bett, als Papa sie würgte, und mein ältester Bruder kletterte aus dem Fenster und rief von der Telefonzelle aus die Polizei. Beim zweiten Mal lag Muttern im Wohnzimmer auf dem Fußboden, und Papa saß auf ihr und würgte sie. Mein ältester Bruder und ich hatten versucht, Papa von Muttern herunterzuziehen, damit er sie nicht weiterwürgt. Auch hier war es mein ältester Bruder, der wieder zur Telefonzelle lief, um Hilfe zu holen, während ich es mit meinem zweiten Bruder weiter versuchte.
Ich erinnere mich auch noch an ein weiteres Ereignis, das mir quasi den Boden unter den Füßen genommen hat. Ich erinnere mich so klar, als wäre es gestern gewesen. Diesmal versuchte Papa, sich selbst das Leben zu nehmen, und ich sah ihn im Abstellraum am Strick hängen.

Ich kann heute nicht mehr sagen, wie ich mich damals als Kind in all diesen Situationen gefühlt habe, zumal ich mich an meine Kindheit auch kaum erinnern kann. Doch immer, wenn ich jetzt beim Schreiben immer wieder dieses Bild vor Augen habe, fühle ich nur eine Schockemotion. Was meine Erinnerungen ansonsten betrifft, ist es immer irgendwie ein Gefühl, als ob mein Unterbewusstsein meine Erinnerungen in einer Schublade verschlossen und nur wenige Erinnerungen vor der Schublade vergessen hat.
Es gab vor nicht allzu langer Zeit einen Tag, an dem ich das Gefühl hatte, als ob die Schublade aufgeschlossen wurde, und in mir kam eine Neugier auf, wo ich gerne wissen wollte, was damals wirklich passiert ist. Hatte Papa die Gewalt nur an Muttern ausgeübt, oder auch an uns Kindern? Nachdem ich das Gefühl hatte, dass das Schloss von der Schublade aufgeschlossen wurde, kam eine weitere Erinnerung hoch.
Als ich etwa 10 Jahre alt war, gab es ein harmloses Ereignis.
Muttern hatte sich inzwischen von Vatern getrennt, aber wir sind nur in eine Wohnung auf der anderen Straßenseite gezogen und konnten immer zu ihm rübergehen. Ob wir es getan hatten, weiß ich heute nicht mehr. Doch gab es einen Tag – es kann sein, dass es Vatern sein Geburtstag war –, zumindest waren wir bei ihm. Es muss im Sommer gewesen sein; wir saßen draußen vor dem Küchenfenster. Vatern hatte eine Torte und holte ein großes Messer, um die Torte anzuschneiden, und als ich das Messer sah, spürte ich in mir eine Angst, ich weiß aber nicht warum. Als diese Erinnerung hochkam, konnte ich das Gefühl der Angst so stark spüren, als wäre es gerade gewesen.
Blockaden und ihre Auswirkung:

Diese Ereignisse haben in mir einige Blockaden ausgelöst, die nachhaltig mein Leben beeinflusst haben.
Durch die Schocks, die ich durch die Erlebnisse erlitten habe
– insbesondere die Gewaltszenen und das Bild meines Vaters, als er sich das Leben am Strick nehmen wollte – haben sich in mir nicht nur Schockgefühle, sondern auch einen unbewussten innerlichen Schutzmechanismus, ein Schutzschild, ausgelöst.
Dieses Schutzschild führte dazu, dass ich in schwierigen Situationen oder Herausforderungen Gefühle verdrängte oder verschloss. Es war möglicherweise auch der Beginn dafür, keine emotionale Nähe mehr zuzulassen. Es machte mich nicht nur emotional unanfälliger, sondern auch äußerlich schmerzunempfindlicher. Dieses Schutzschild hat mich auch im Erwachsenenleben daran gehindert, mich anderen zu öffnen oder unangenehme Emotionen anzunehmen und zu verarbeiten.
Durch die unvorhersehbaren Ausbrüche von Papa
und seine Aggressivität unter Alkoholeinfluss habe ich eine unbewusste Angst entwickelt, die Kontrolle zu verlieren. Als Kind habe ich oft die Gefahr in ganz normalen Momenten gespürt, wie in dem Ereignis, als Papa die Torte anschneiden wollte und ich das Messer sah.
Diese Angst des Kontrollverlust hat dazu geführt, dass ich immer gerne die Kontrolle über alles – über mich und meine Umgebung – behalten wollte und dass ich Unvorhersehbares oder Veränderungen schwer akzeptieren konnte. Ich habe Schwierigkeiten, mich in Situationen fallen zu lassen, die außerhalb meiner Kontrolle liegen. Diese Blockade erschwert es, Vertrauen in Beziehungen oder in die Zukunft zu entwickeln.
Doch hat sich in mir nicht nur die Angst des Kontrollverlustes entwickelt, sondern auch eine Angst vor aggressiven Verhalten und Konflikten. Was dazu geführt hat, dass ich – besonders in meiner früheren Zeit als Kind und Heranwachsende – anderen gegenüber misstrauisch war und mich nur schwer auf Freundschaften einlassen konnte. Später, als es mit den Beziehungen zu Jungs anfing, war es für mich auch schwer, mich einer Beziehung richtig hinzugeben, da ich immer Angst vor Verletzungen hatte, denn auch eine Trennung kann schmerzlich sein.

Es heißt,
dass Kinder aus belastenden Familienverhältnissen häufig unbewusst die Überzeugung entwickeln, dass sie an der familiären Situation oder am Verhalten der Eltern schuld sein könnten. Diese „Kindheits-Logik“ kann tief verwurzelt bleiben und zu einem Gefühl von „Nicht-Genügen“ oder innerer Schuld führen.
Was die Auswirkung hat, dass ein geringeres Selbstwertgefühl dazu führen kann, dass man sich selbst immer wieder infrage stellt und man möglicherweise dazu neigt, seine eigenen Bedürfnisse zugunsten anderer zurückstellt und sich auch in Beziehungen manchmal eher anpasst und Kompromisse macht, die einem eigentlich gar nicht guttun, oder man sich in der Nähe anderer minderwertig fühlt.
Auch das Festhalten an schmerzhaften Beziehungen oder Mustern kann eine Folge dieser Blockade sein.
Zu dieser Recherche muss ich sagen: Soweit ich zurückdenken kann, habe ich mich tatsächlich IMMER zugunsten anderer zurückgestellt. In Beziehungen habe ich nie mein Leben gelebt; es war immer das Leben meiner Partner. Lange Zeit hatte ich mir eingebildet, dass mein Zurückstellen daran liegt, dass ich ein zu gütiges Herz habe. Dass dies aber durch innere Blockaden entstanden ist, dies erkenne ich erst jetzt durch die ganzen Recherchen und Reflexionen.
Als Kind kann man so etwas nicht verstehen.
Doch heute, nachdem ich all diese Erlebnisse verarbeiten, heilen und loslassen durfte, habe ich ein ganz anderes Verständnis. Heute weiß ich, was Alkohol und Suchterkrankungen generell mit einem machen können. Ich habe inzwischen selbst einige Süchte hinter mir; dazu zählt auch der Alkohol.
Da Alkohol eine prägende Rolle in meiner Familie gespielt hat, kann es sein, dass ich unbewusst ein Verständnis dafür entwickelt habe, dass Suchtmittel ein „Ablenkungsventil“ für innere Schmerzen sind. Mein Weg durch meine Abhängigkeiten – dazu zählen, Kleptomanie schon als Kind, Zigaretten mit 12 Jahren, zu Beginn meiner Ehe eine Tablettensucht (Schmerzmittel), nach meiner Ehe Alkohol, und dann der Kaffee – könnte ein unbewusster Versuch gewesen sein, mit unterdrückten Gefühlen oder emotionalen Verletzungen fertigzuwerden, ähnlich wie mein Papa es tat.
Zurzeit kämpfe ich noch mit der Schokolade, um davon abzukommen. Was mir allerdings aufgefallen ist: Mein Bedürfnis nach Schokolade ist – jetzt, wo ich mit den Beiträgen für den Blog begonnen habe – erst wieder so extrem stark geworden.
Diese Blockaden zeigen sich darin,
dass die „Flucht“ in Suchtmittel als eine vermeintliche Lösung erscheint, um mit inneren Konflikten umzugehen oder um eine innere Leere zu füllen. Es kann sein, dass dieses Verhalten auch in weniger intensiver Form immer wieder eine Rolle spielt, wenn es darum geht, emotionale Schmerzen oder Unsicherheiten zu betäuben. Eine solche Tendenz könnte auch bedeuten, dass es schwerfällt, sich belastenden Gefühlen bewusst zu stellen, da der natürliche Reflex zum „Abschalten“ sehr tief verankert ist.
Wie ich auf der Startseite schon erwähnt habe,
schreibe ich in diesem Blog über mein Leben, meine Vergangenheit. Im Laufe der Jahre habe ich etwas ganz Wichtiges gelernt: Egal, was uns im Leben geschieht und wie schlimm es ist – es geschieht nicht ohne einen Grund. Egal, ob wir an Gott, das Universum, die Spiritualität oder etwas anderes glauben – selbst wenn wir nur an das glauben, was wir sehen und anfassen können, sind wir ALLE spirituelle Wesen, die in der Hülle namens Körper leben und menschliche Erfahrungen machen.
Unsere Seele entscheidet sich, bevor sie in den Körper einzieht, schon für unsere Blutgruppe, Haarfarbe, DNA, unser Geschlecht und vieles mehr, auch für das, was uns im Leben geschehen wird. Man bezeichnet dies als unseren Seelenweg. Die ganzen Herausforderungen, denen wir uns stellen dürfen, hat sich unsere Seele bewusst ausgesucht, um daran und daraus zu lernen. Diese ganzen Herausforderungen werden durch Blockaden in uns geleitet. Es gibt viele Arten dieser Blockaden. Welche alle dazugehören und mit welchen ich inzwischen selbst konfrontiert wurde, davon werde ich in meinen nächsten Beiträgen schreiben.

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